Afrika? Das ist doch der Kontinent, auf dem es nur so von wilden Tieren wimmelt: Löwen, Elefanten, Krokodile, Nilpferde, Zebras, Gazellen, Rhinozerosse, jede Menge Affen und die stolzen Giraffen… fast der ganze Kölner Zoo sozusagen. Richtig, wenn wir morgens die Türe öffnen, müssen wir erst einmal den Tierverkehr passieren lassen: „Vorsicht! Zebraherde von links! … Achtung! Gnus von rechts!“ Manche wollen sogar Tiger gesehen haben; aber das war wohl eher beim Karneval der Tiere. Augenzwinkern.
Natürlich gibt es die großartige Serengeti, wunderbare Erinnerungen an die Grzimeks im Kino meiner Kindertage. Doch haben wir die Serengeti halt nicht vor der Haustüre. Dennoch ist in diesen Tagen der Löwe los, der furchteinflößende Gaïndé. Mit seinem Rudel versteckt er sich hier im Viertel hinter großen Tüchern, die die Mütter ihren Löwenkindern großzügig überlassen haben. Dort, in der Höhle des Löwen, malt sich die Löwenfamilie schwarz, weiß, rot und braun den Schrecken ins Gesicht, passend zum Lôwenfell aus den kleinen Stoffresten der amüsierten Mütter. Alle fertig? Schaut jeder auch recht grimmig drein? Dann kann‘s los gehen, denn draußen schlagen schon die mutigen Jäger die Kanistertrommeln, um den Löwen Angst zu machen. Aber Gaïndé kennt keine Angst! Voller Ingrimm stürzen die Löwen aus der Tuchhöhle, jagen erbarmungslos alles, was auf zwei Beinen herumläuft. Ein Riesengejohle hebt an und dreißig, vierzig Jäger im Grundschulalter erreichen mühelos das Tempo einer Zebraherde, laufen weit weg bis hinter den nächsten Häuserblock, denn mit dem König der Savanne ist nicht zu spaßen, das wissen sie aus den Märchen von Gaïndé-le-lion. Stolz und wild schütteln sich die Löwen in Richtung der wilden Jagd. Wehe dem, der nicht rechtzeitig die Flucht angetreten hat!
Ja, die Ferien nahen und die Schulkinder, die ja in der Mehrzahl den ganzen Tag in die Schule gehen, in volle Klassen mit strengen Lehrern, die abends auch noch Hausaufgaben anfertigen müssen, sie haben jetzt dringend die dreimonatige Pause nötig. Die Löwenjagd schenkt da ein lustiges Ahnen von der ersehnten schulfreien Zeit, die pünktlich mit dem großen Regen beginnt. Regenzeit ist Ferienzeit.
Glückliche Kinder, die Schule und Ferien kennen, ein Glück, das den Bettelkindern versagt bleibt. In der Frühe ab Sieben ziehen sie mit ihren gelben Schüsselchen für die Almosen los, lassen in der freien Hand rhythmisch ein paar braune 25er Münzen klimpern, die kleinste Devise. Mildtätige schenken ein Stück Brot und wer es besonders gut getroffen hat, kann seinen Bettelbrüdern sogar zufrieden dünnen Brotaufstrich zeigen, immer auf der Hut vor räuberischer Konkurrenz, die jeden Moment auftauchen könnte.
Foto: Leprastation Jibelor, Casamance
Fabeltieren wird so manche menschliche Eigenschaft angedichtet, Erbarmen gehört nicht dazu; es passt nicht zur Textsorte Fabel. Erbarmen steht auf einem anderen Blatt: „Blinde sehen wieder, Lahme gehen, und Aussätzige werden rein; Taube hören, Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.“ (Lk 7, 22)